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Von Zufällen, Hunden und Handies

von Alexandra Zvekan (Kommentare: 1)

Szene nachgestellt: Hund wartet in der Altstadt

Am Mittwoch geriet die Altstadt kurz in Aufregung. Ein kleiner Westie musste gerettet werden. Aber es sei vorweggenommen, dass bei dieser Geschichte der „Zufall“ ganz stark seine Finger im Spiel hatte. Und das kam so:

 

Normalerweise gehe ich nachmittags ganz normal mit meinem Hund spazieren. An diesem Tag aber habe ich die Leine im Auto vergessen und so muss meine Hündin enttäuscht im Büro warten, bis ich die Leine geholt habe. Zufall Nummer 1.

 

Ein paar Minuten später komme ich in die Unteraltstadt zurück, sehe Manuela bei der Rolf Manufaktur-Galerie DAS DA neben einem kleinen weissen Hund knien. Irma kommt mir entgegen und verkündet fröhlich, dass ich wahrscheinlich Zuwachs bekommen werde. Ich gehe zum Hund und schon werde ich mit Informationen eingedeckt.
Manuela : „Schau, dieser Hund sieht aus, als ob er warten würde.“
Eine junge Frau kommt von der Oberaltstadt her und sagt „Ich habe den Hund seit 10 Minuten beobachtet und er rührt sich nicht von der Stelle. Schaut nach rechts, schaut nach links.“

Und dann rennt auch noch Sylvie aus dem Laden und wir erörtern kurz zusammen, was wir unternehmen könnten.

„Er ist so süss!“ - „Oh, wenn du doch sprechen könntest...“ - „Ist es ein Weibchen oder ein Männchen?“ - „Wir müssen den Chip lesen lassen.“ - „Oh, was ist dir nur passiert...“ - „Wie lange irrt er schon herum?“ - „Ich nehm ihn mal an die Leine.“ - „Er sieht aber gar nicht so dreckig aus. Ist sicher nicht weit gelaufen.“ - „Die Pfoten sind noch ok.“ - „Hat noch niemand von Ihnen diesen Hund gesehen?“ - „Wir bringen ihn zur Polizei!“.

Ich leine den kleinen, süssen Hund mit dem rosaroten Halsband an. Die Sache ist beschlossen. Wir bringen den Hund zum Polizeiposten am Kolinplatz und lassen den implantierten Chip lesen. Die junge Frau kommt mit mir mit, denn sie ist in Hunde vernarrt und ganz besonders in diesen süssen Hund, den sie alsbald den „weissen Engel“ ruft. Gut sind alle vier Personen erfahrene Hundehalterinnen. Zufall Nummer 2.

 

Auf dem Polizeiposten hat Herr Koch Dienst. Er klärt per Telefon ab, ob der Chipleser im Haus ist oder auf dem Hauptpolizeiposten. Wir haben Glück (Zufall Nummer 3). Ein Polizist und eine Polizistin kommen vom oberen Stock mit dem Chipscanner herunter. Der Polizist zeigt der Polizistin, wie man den Scanner einsetzt. Er stellt sich meiner Meinung nach ungeschickt an, denn er fuchtelt mit diesem recht grossen Ding über dem Kopf des kleinen Hundes herum und fährt dann auch ziemlich schnell von oben nach unten zur Hundeschulter. Der Hund weicht erschrocken zurück, was mich nicht weiter erstaunt, wird er doch von einem unbekannten Ding in einer Notsituation bedroht und ist erst noch von vier unbekannten Menschen umringt. Wer hätte da nicht auch Angst?! Warum die Unbeholfenheit des Polizisten soeben zu Zufall Nummer 4 wurde, wird sich noch zeigen. Der Chip wird glücklicherweise sofort vom Scanner erkannt und der Hund ist vorerst erlöst.

 

So, jetzt geht alles schnell: Die Polizisten geben die Chipnummer auf der Website www.anis.ch ein und bekommen so die registrierten Daten des Halters, was natürlich kein Zufall ist. Nun erfahren wir, dass der Hund ein Weibchen ist und wir sie mit Roxy ansprechen können. Roxy entspannt und freut sich sichtlich, als wir sie bei ihrem Namen rufen. Aber dann: die Polizistin ruft die Halterin an. Festanschluss. Keine Antwort. Anrufbeantworter. Die Polizistin bittet um Rückruf.

Kein Wunder, denke ich, wenn mein Hund weg wäre, wäre ich auch nicht zu Hause sondern würde suchen. Also wieder kein Zufall. Aber ich beschliesse, meine Daten bei Anis zu kontrollieren und sollte nicht meine Handynummer eingetragen sein, dann werde ich das schleunigst ändern.

 

Nun kommt der schwere Teil. Für den Hund. Die Polizisten sagen, dass der Hund nun bei ihnen bleiben soll und wenn sich die Halterin bis am Abend nicht melden sollte, dann bringen sie Roxy in die Hundestation nach Neuheim. Keine gute Idee, denke ich, denn ich sehe noch die erschrockene Roxy vor mir, als sie mit dem Scanner bedroht wurde (ihr erinnert euch noch an Zufall Nummer 4). Ich biete mich an, Roxy zu mir ins Büro zu nehmen und sie später auch nach Neuheim zu bringen, da ich erstens eine Leine besitze, zweitens Hundefutter und drittens mich mein Heimweg über Neuheim führen könnte. Zugegeben, die ersten beiden Punkte hätten die Polizisten sicher auch auftreiben können. Aber wie ihr wisst, geht es in dieser Geschichte um Zufälle, und so waren meine auf tönernen Füssen bauenden Argumente ganz entscheidend für Zufall Nummer 5. Der Einfachheit halber und zwecks schnellerer Rettung von Roxy gibt mir Polizist Koch den Namen und die Telefonnummer der Halterin. Jetzt stutze ich und überlege und staune! Wohlgemerkt, ich habe immer noch die schnelle Rettung von Roxy im Auge. Und wer die bisherigen Zufälle Nummer 1 bis 4 als nicht besonders spektakulär erachtet hat, wird sich hoffentlich bei Nummer 5 vom Gegenteil überzeugen lassen.

 

„Herr Koch“, sage ich, „ich kenne jemanden, der die Frau Halterin kennt. Rufen Sie doch bitte die Website xy auf und fragen Sie nach, ob die Leute da die Handynummer von Frau Halterin haben.“ Herr Koch tut, wie ich ihm vorgeschlagen habe und tatsächlich: innert 2 Minuten hat er die Handynummer der Halterin. Natürlich hätte auch ich dieses Telefongespräch führen und die Handynummer ausfindig machen können, aber dann hätte ich vielleicht gegen das Persönlichkeitsrecht oder den Datenschutz verstossen, denn Handynummern scheinen in der Schweiz ja streng geheim zu sein, Festanschlussnummern hingegen nicht, obwohl man uns viel eher auf dem mobilen Telefon erreichen könnte als auf dem Festanschluss, aber das ist eine ganz andere Geschichte und ich sollte eigentlich lieber erklären, wie ich auf die Idee kam, auf der Website xy nach der Halterin suchen zu lassen, statt mir über sozio-kulturelle Entwicklungen Gedanke zu machen.

 

Es ist sicher nichts Besonderes, dass unser Atelier die Website eines Vereins xy erstellt. Viel zufälliger ist es aber, dass ausgerechnet Frau Halterin im Vorstand des Vereins ist, ich mich an ihren Namen erinnern kann, obwohl ich mit ihr nie persönlich zu tun hatte, aber da ihr Name der gleichen Nationalität angehört, wie meine Muttersprache, ist es wiederum nicht sonderlich zufällig, dass ich mir den Namen merken konnte. Spektakulärer hingegen ist der Kontext, in dem der Name von Frau Halterin auftaucht und somit zu Zufall Nummer 5 wird.

 

Zurück zu Roxy: Frau Halterin antwortet natürlich sofort auf den Anruf, der über ihr Handy reinkommt. Sie erscheint voller Aufregung und Freude 10 Minuten später auf dem Polizeiposten. Roxy wirft sich ihr schwanzwedelnd vor die Füsse. Die junge Frau ist gerührt und glücklich, dass der „weisse Engel“ nun endlich ihren Menschen gefunden hat und ich staune immer noch über die Zufälle, von denen im Moment nur ich wirklich Bescheid zu wissen glaube.

 

Nun müssen wir unbedingt noch erfahren, was Roxy eigentlich in diese missliche Lage gebracht hat. Zunächst war da ein ganz normaler Spaziergang am See. Roxy ohne Leine. Bei diesem kleinen Hund auch weiter kein Problem, denn sie würde normalerweise nicht weglaufen und stellt auch keine Gefahr für Mensch und Tier dar. Aber dann kommt ein Handyanruf für Frau Halterin. Sie steht beim Regierungsgebäude, nimmt ab und redet kurz, hängt auf, dreht sich um und Roxy ist weg! Frau Halterin sucht, sucht und sucht. Geht in die Richtung, aus der sie gekommen sind, weg von der Altstadt. Geht zum Parkhaus, wo das Auto parkiert ist. Roxy bleibt verschwunden.

Die Auflösung: Roxy ist zufälligerweise in die falsche Richtung gelaufen, in eine Richtung, in die sie normalerweise nie gehen und aus der sie nicht hergekommen sind. Frau Halterin konnte sie so gar nicht finden.

 

Aber ich sage euch eins: dass Roxy in die falsche Richtung lief, dass ist für mich nun wirklich kein Zufall. Roxy wusste ganz genau, wo sie die Situation finden kann, damit sie ganz schnell gerettet wird (totale Aktionsdauer: 2 Stunden) und damit wir eine Geschichte von Zufällen erleben durften. So gesehen, war ich nicht die Einzige, die über die Zufallskette Bescheid wusste.

 

Kleines Nachwort: auf dem Foto ist natürlich nicht Roxy zu sehen. Das Foto wurde mit Jessy, meiner geduldig wartenden Hündin, nachgestellt. Ort und Position stimmen aber. Und nach der Rettung von Roxy wurde auch Jessy endlich erlöst und durfte auf ihren Spaziergang gehen.   

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Kommentar von mf |

Unsere Roxy nach 55 minütigem Total-Stress, auf allen Ebenen, unverletzt wieder zu haben, war ein riesiges Geschenk!
Ich danke allen Beteiligten von tiefstem Herzen.
Etwas erstaunt mich allerdings beim Lesen dieses Beitrages. Ich hatte nach ca. 20 Minuten ergebnislosem Suchen die Polizei angerufen. Diese hatte mir mitgeteilt, dass sie für verlorene Tiere nicht zuständig seinen und mich an den Tierschutzverein verwiesen. Ich hatte die Polizei gebeten, meine Vermisstmeldung irgendwie zu registrieren, damit sie mich ganz schnell anrufen könnten, falls jemand meine Roxy melde. Der freundliche Polizist am Telefon versicherte mir, dass er meine Meldung inkl. Mobil-Nr für alle Polizeistellen im Kanton sichtlich machen würde.
Tja, da ist wohl etwas schief gelaufen.
Umso schöner, dass Dank einem riesigen Zufall die Finderin meinen Namen wiedererkannt und über Umwege meine Natelnummer herausgefunden hat.
Ich war während der ganzen Sucherei sehr verzweifelt, traurig und irgendwie auch hilflos. Der Tierschutzverein riet mir, nach Hause zu gehen.

Zum Glück ist alles schnell und Gut ausgegangen. Roxy und ich sind an diesem Mittwochnachmittag zu Hause erschöpft beieinander und miteinander eingeschlafen...